"Abschied von den Rosen"

Anja Silja gab am 18. März im Kleinen Haus Melodramen von Schubert, Wagner und Liszt.



Begleitet wurde sie von Christopher Hein.

"Von Abschiedsschmerz keine Spur: Anja Silja, das Berliner Wunderkind des Wagnergesangs im Bayreuth der 1960er Jahre, sprach am Samstag im Kleinen Haus Melodramen von Arenski, Wagner und Liszt. Ihre Weltkarriere begann die gebürtige Berlinerin als 16-Jährige 1956 am Staatstheater. Nun, etwas über 60 Jahre später, kehrte sie auf Einladung des hiesigen Wagner-Verbands nach Braunschweig zurück.

Am Ende des Abends schließt sich der Kreis: "Wie waren einst so frisch, so schön die Rosen." Da spricht aus ihr keine Wehmut, kein Schmerz oder Bedauern über die verflossene Vergangenheit, sondern innige, warme Zufriedenheit. Denn in diesem Lied des Russen Anton Arenski mag man auch ihre Geschichte erkennen: "Im Fenster (?) sitzt ein Mädchen und blickt lautlos und unverwandt gen Himmel, gleichsam das Erwachen der Sterne erwartend."

Man kann sich vorstellen, wie ihr in ihrer Dienstwohnung unter dem Dach des Staatstheaters einst Wieland Wagner am Himmel aufging und die Welt öffnete. Der Wagner-Enkel und damalige Festspielleiter entdeckte sie 1960 für Bayreuth, und mit ihm ging sie eine auch medial viel beachtete Affäre ein. Nach seinem Tod 1967 kehrte sie nie mehr nach Bayreuth zurück. In den Jahrzehnten danach brillierte sie als Interpretin der großen Strauss- und Wagnerpartien auf den anderen großen Bühnen dieser Welt.

Auch Richard Wagner hat in seinen frühen "sieben Kompositionen zu Goethes Faust" ein "Melodram" geschrieben. "Ach neige, du Schmerzensreiche" ist Gretchens verzweifeltes Gebet, zu dem sich keine Melodie und kein Gesang mehr einstellen will. Daraus entwickelte sich dann auch jener für Wagner später typische, dem Sprechtonfall folgende Gesang.

Anja Silja spricht hier so drängend, dass man sich den schon noch deklamierten Text lebhaft auch als Gesang vorstellen kann. Dies entspricht Wagners Intention: die Grenzen zwischen Darstellung, Deklamation und Gesang verschwimmen, lösen sich auf.

In Arenskis Melodram "Die Nymphen" fast schon Leitmotivik: lautmalerische, einzelne musikalische Motiv-Fetzen, die Christopher Hein am Klavier umsichtig und aufmerksam beisteuert. Max Regers "Träume am Klavier" gelingen ihm zwischen samtigem Klangteppich und einem Ton für Ton klar ausgespielten, sich in ausgereizte Chromatik entfremdenden Walzer.

Bei "Der Traurige Mönch" von Franz Liszt zu Beginn mächtig brodelndes Klavier, aus dem sich das Lenausche Gedicht sagenhaft entspinnt. Anja Silja gestaltet hier wie durchgehend ohne Übertreibungen schön direkt und authentisch. Beim spannungsvollen Ende ("Der Rappe schlendert in den See") hängt das Publikum gebannt an ihren Lippen.

Viel Applaus. Im Rangfoyer plauderte die 76-Jährige anschließend schlagfertig mit dem Publikum über die Stücke und Braunschweiger Erinnerungen." Sebastian Barnstorf (BZ vom 20.03.2017)

 

 

 

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